Geisterspiele und das Problem des Profifußballs

An diesem Wochenende startet nach über zweimonatiger Zwangspause aufgrund der Corona-Pandemie die Fußball-Bundesliga als erste größere Sportliga der Welt wieder in ihren regulären Spielbetrieb. Wobei regulär in diesem Fall ein äußerst dehnbarer Begriff ist.

Das einzig reguläre an diesen Spielen wird sein, dass der Ball rund ist und das Spiel neunzig Minuten dauern wird.

Die Diskussionen rund um die Wiederaufnahme des Spielbetriebs waren diesmal nicht nur Sache der Fußballfans sondern der gesamten Gesellschaft. Und sowohl unter Fußballfans als auch im Rest der Gesellschaft gehen die Meinungen auseinander, wie man dieses Thema angehen sollte.

 

Als erstes stellt sich die moralische Frage, in wie weit es vertretbar ist, diesen Multimilliarden-Euro-Zirkus wieder starten zu lassen, während die Menschen, die nicht zu diesem Geschäft gehören, gezwungen sind sich zu isolieren. Sei es aus rechtlichen Gründen oder aus gesundheitlichem Eigenschutz.

 

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass es in Zeiten von strengen Hygienevorschriften geradezu unverantwortlich scheint eine Körperkontaktsportart wie den Fußball wieder zu starten. Vorallem dann, wenn nur der Profifußball wieder starten darf und alle anderen nicht. In Deutschland wurden in der Saison 2017/2018 über 1,4 Millionen Fußballspiele angepfiffen (Quelle: DFB.de). Gerade einmal 992 Partien fanden im Profifußball der ersten und zweiten Bundesliga, sowie der dritten Liga statt. Dass ausgerechnet diese 992 Partien im Schatten der restlichen 1,4 Millionen Spiele, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihrem Hobby aktiv nachgehen, stattfinden sollen oder gar müssen erscheint wie blanker Hohn. Ist es auch ein Stück weit. Was die Profis aber maßgeblich vom Amateurfußball unterscheidet ist, dass der Profifußball im Vergleich ein um ein vielfaches größerer Wirtschaftszweig ist. Darüberhinaus ist es der Beruf der Spieler, mit dem Sie ihr Geld verdienen. Zugegeben, die Topverdiener der Branche, welche nun mal die Spieler und Funktionäre sind könnten mit Leichtigkeit über Jahre hinweg, ob ihrer exorbitant unverschämten Millionengehälter in Saus und Braus leben. Auch ohne weitere Gehaltszahlungen. Allerdings nicht die restlichen Mitarbeiter der Vereine. Die Geschäftsstellen- und Fanshopmitarbeiter, die keine Millionengehälter beziehen. Jene sind genauso "normale" Arbeitnehmer wie Sie und ich. Und wenn ein Unternehmen keine Umsätze mehr hat, kann es ab einem bestimmten Punkt seine dennoch laufenden Rechnungen als auch seine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Was folgt ist die Insolvenz.

 

Und hier sind wir beim Problem des Profifußballs.

Wie kann es sein, dass ein Verein, wie zuletzt unter anderem der FC Schalke 04, seines Zeichens viertgrößter Fußballverein der Welt, der seinen Spielern utopische Jahresgehälter zahlen kann, aber schon nach ein bis zwei Monaten ohne weitere Einnahmen dem Bankrott entgegensieht? Ohne Frage, die Gehaltszahlen, die in den letzten Jahren in den Medien zu lesen waren sind viel zu hoch, um sie noch verantworten zu können und zeigen, dass sich das Produkt Profifußball vollkommen überhitzt hat. Jedoch vergessen viele, dass die Vereine den gröten Anteil ihres Umsatzes aus den Einnahmen des Spielbetriebs und den TV-Geldern ziehen. Fallen diese Weg, wird es auch für Vereine schwierig, die laufenden Kosten zu decken, da sich diese mitlerweile in einem ähnlichen Rahmen bewegen.

Der FC Bayern hat im letzten Jahr einen Jahresrekordumsatz von 750,4 Millionen Euro verbucht. Knapp 400 Millionen, also mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes sind auf Einnahmen des Spielbetriebs und den dazugehörigen Bereichen Transfers und TV-Vermarktung zu führen. Auf der Ausgabenseite stehen die Personalkosten, betriebliche Kosten, sowie Steuerabgaben. Allein die Steuern beliefen sich letztes Jahr auf 243,9 Millionen Euro. (Quelle: fcbayern.com)

Man sieht also, dass auch große Unternehmen Verluste in dieser Größenordnung nicht einfach kompensieren können. Hilfreich wäre da wahrscheinlich eine Salary-Cap, also eine Gehaltsobergrenze für die Spieler und Manager. So könnte man die Verluste in so einer außergewöhnlichen Krise wie der jetzigen zumindest ein wenig besser kompensieren und die Gehaltskluft zwischen Profi-Spieler und Geschäftstellenmitarbeiter oder auch Fans im Allgemeinen nicht noch weiter auseinandergehen.

Das allerdings ist im Moment noch Zukunftsmusik, da diese Krise jetzt erst einmal überwunden werden muss.

 

Und das funktioniert wohl am ehesten mit Geisterspielen.

Der Profifußball lebt sowieso in seiner eigenen Blase, von daher kann man ihn auch wieder starten lassen, wenn ein passendes Hygienekonzept vorliegt. Und da dies der Fall ist, warum nicht? Die Mannschaften befinden sich ohnehin in Team-Quarantäne und haben keinen Kontakt zur restlichen Gesellschaft.

 

So einfach ist die Rechnung aber leider trotzdem nicht, da der Profifußball von seiner Atmosphäre im Stadion und den Fans lebt.

Und gerade die aktiven Fans sind überwiegend gegen einen Restart der Liga, da Fußballspiele, ihrer Meinung nach, ohne Fans nichts wert ist. Auch hier gibt es mehrere Seiten, allerdings kein klares richtig oder falsch.

Ein Fußballspiel mit einer überragenden Atmosphäre und Fans, die ihre Mannschaft zum Sieg schreien ist natürlich mehr Wert als ein Geisterspiel ohne jegliche Zuschauer. Da sind sich Fans und Spieler einig. Natürlich geht man lieber ins Stadion und ist live dabei als sich das Spiel im Fernsehen anzugucken. Das ist in der Regel auch so, wenn die Stadien ausverkauft sind und nicht nur jetzt, wo überhaupt keine Zuschauer in den Arenen zugelassen sind. Allerdings entsteht im Moment auch der Eindruck, dass sich viele Fangruppierungen in der jetzigen Zeit wichtiger nehmen als sie sind. Für sie steht die Wiederaufnahme der Spiele als Sinnbild des Kommerzes, der in ihren Augen die heroische Fußballwelt vergangener Tage, ohne großes Sponsoring und Kommerzvereine á la RB Leipzig, noch mehr zerstört. Bis zu einem gewissen Grad kann man dies durchaus nachvollziehen.

 

Wenn diese Ablehnung gegenüber des modernen Fußballs aber soweit geht, dass sie sich nicht mehr an den bloßen Spielen ihrer eigenen Mannschaft erfreuen können, sei es jetzt in einem vollen Stadion oder aber vor dem TV bei Geisterspielen, sind sie im Profifußball mittlerweile leider an der falschen Adresse. Das Ziel aktiver Fans sollte es eigentlich sein, den eigenen Verein nach bestem Wissen und Gewissen zu supporten. Natürlich darf und soll man sich auch kritisch mit dem eigenen Verein auseinandersetzen und für die eigenen Fanrechte kämpfen. An allererster Stelle sollte aber immer die Unterstützung der Mannschaft auf dem Platz stehen. Und wenn ein Verein in Zeiten von Corona nur durch Geisterspiele fortbestehen kann, dann muss man als aktiver Fan in den sauren Apfel beißen und meine Mannschaft von daheim anfeuern. Zumal es doch dennoch nichts schöneres geben sollte als seinen Verein endlich wieder spielen zu sehen. Dass das alles mit Zuschauern schöner ist und auch wieder sein wird steht dabei, wie gesagt, vollkommen außer Frage.

 

Ein jeder Fußballfan wird sich darauf freuen, wenn er endlich wieder ins Stadion darf und die emotionsgeladene Atmosphäre live aufsaugen und mitprägen kann um sein Team auf dem Platz zu unterstützen und zum Sieg zu schreien.

Und wer weiß, vielleicht nähert sich der Zirkus Profifußball durch diese Krise von ganz allein wieder an die Wurzeln des Spiels, in denen mehr Wert auf den sportlichen Wettkampf als auf Geld gelegt wird.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0