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Das Leiden eines Kickers

Kicker gehören zum American Football, wie der Puck zum Eishockey. Und doch werden sie häufig belächelt und nicht wirklich als Footballspieler wahrgenommen. Doch woran liegt das? Zum einen wohl daran, dass Kicker, im Vergleich zu Spielern anderer Positionen, viel seltener auf dem Platz stehen. Häufig wird angeführt, dass sie keine harten Hits einstecken müssen und darüber hinaus nur trainieren wenn es ihnen Spaß macht und dann auch noch vermeintlich weniger intensiv. Kicker haben es sich also nicht verdient, sich Footballspieler zu schimpfen. Sollte man meinen...

 

Wenn man sich aber mal näher mit der Position auseinandersetzt, wird man recht schnell feststellen, wie anspruchsvoll diese Position ist. Zum einen werden Field Goals und PAT´s von vielen als selbstverständlich angesehen, sprich jeder Schuss muss Punkte bringen. Das ist natürlich auch die Kernaufgabe eines Kickers und im Optimalfall bringt auch jeder Kick Punkte. Aber die Realität sieht leider anders aus. Auch Kicker sind nur Menschen und haben zuweilen auch mal einen schlechten Tag. Das Problem hierbei ist allerdings, dass es bei uns wesentlich deutlicher auffällt, als auf irgendeiner anderen Position. Der Linebacker kann in der Regel nach einem verpasstem Tackle im nächsten Spielzug wieder zum Helden werden und seinen Fehler ausbügeln, der Quarterback nach einem Sack den nächsten Touchdown werfen und der Reciever nach einer Incompletion den nächsten Ball fangen. Beim Kicker ist es allerdings jedesmal wenn er auf dem Feld steht eine Do-or-Die-Situation. Entweder es gibt Punkte oder es gibt keine Punkte. Und leider muss ein Kicker im Normalfall einige Zeit an der Seitenlinie verbringen, bis er einen möglichen Fehlschuss geraderücken kann.

 

Diese Wartezeit zu überstehen fällt leichter, wenn man sein Field Goal verwandelt hat. Man hat ja seinen Job zufriedenstellend erledigt. 

Man stelle sich aber einmal vor, ein Kicker verschießt ein Field Goal und es ist nicht mal sicher ob er in diesem Spiel, abhängig natürlich vom Spielverlauf, aufs Feld zurückkehrt. Dann hat der Kicker, dessen einzige Aufgabe es ist, den Ball zwischen die Goalposts zu schießen, versagt. Und dabei hatte er nicht mal die Gelegenheit seinen Fehler wiedergutzumachen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das ein immenser Druck ist, der da auf einem lastet. Nicht auszudenken, wie groß der Druck wird, wenn man mehr als einen Kick neben die Torstangen setzt. Im Zweifel sind das ja mehrere wichtige Punkte, die dem Team am Ende eines Spiels zum Sieg fehlen. Und dann heißt es natürlich: Hätte der Kicker seinen Job gemacht, hätten wir das Spiel jetzt nicht verloren. Gerade in der NFL wird diese Haltung an den Tag gelegt. Dort heißt es dann nicht, dass die Defense weniger Punkte hätte zulassen sollen oder die Offense mehr hätte machen müssen. Nein, da ist der Kicker der alleinige Schuldige weil er den entscheidenden Field Goal nicht gemacht hat.

 

Das beste Beispiel der jüngeren Vergangenheit: NFC-Wildcard-Game der Saison 2018/2019 zwischen den Chicago Bears und den Philadelphia Eagles. Zehn Sekunden vor Schluss stand es 16:15 für die Eagles. Neun der 15 Punkte hatte der Kicker der Bears, Cody Parkey, bereits erzielt. Und jetzt standen die Bears in Field-Goal-Reichweite und hatten die Chance, das Spiel zu gewinnen. Cody Parkey musste "nur" treffen. Das hatte bis zu diesem Zeitpunkt in dem Spiel auch gut funktioniert. Dementsprechend ging man in Chicago schon vom langerhofften Playoff-Sieg aus. Nachdem Parkey von den Eagles nochmals geiced wurde, sprich mit einem Timeout in letzter Sekunde unterbrochen wurde, musste er nochmal schießen. Kurzer Einschub zum Thema "Icing": Gegnerische Trainer erhoffen sich vom "Icen", dass der Druck auf den Kicker noch mehr steigt und somit auch die Wahrscheinlichkeit, dass er unter diesem Druck nicht trifft. Cody Parkey trat also erneut an, traf den linken Pfosten, von wo der Ball auf die Querlatte und dann zurück ins Feld sprang. Die Bears hatten verloren. Und obwohl Parkey an diesem Abend die meisten Punkte für die Bears machte, war er für Fans und Experten der Sündenbock. Nicht die klägliche Offense, die nur sechs Punkte an diesem Abend erzielte, sondern der Kicker Parkey war schuld. Parkey wurde im Frühjahr 2019 übrigens von den Bears entlassen. Fair ist das in meinen Augen nicht aber das ist das Leben eines Kickers. Wenn du triffst, wird es zur Kenntnis genommen und wenn du nicht triffst bist du der Depp.

 

Es mag stimmen, dass Kicker nahezu keine Hits einstecken müssen und dass sie ein komplett anderes Trainingsmodell haben als Offense- und Defensespieler. Aber gerade wegen des großen Erfolgsdrucks, ist der Kicker mindestens genauso als Footballspieler anzusehen, wie jeder anderer Spieler.

 

 


In diesem Video könnt ihr den "Double-Doink"-Fehlschuss von Cody Parkey im erwähnten Playoff-Spiel der Bears sehen. Anhand seiner Reaktion nach dem Kick kann man erkennen, welch ein Druck auf ihm lastete.

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